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Oom Poop & Konsorten

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Der Geisterzug
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Ich mag Antrobus.
Ich könnte nicht erklären warum. Ich glaube, weil er alles so schrecklich ernst nimmt.
Er hat etwas Unheilverkündendes - er flüstert immer, schnalzt mit der Zunge, macht ein schmollendes Gesicht, spitzt den Mund und hat die Angewohnheit, seine Handflächen nach oben zu drehen, als ob er sagen wolle -
was kann ich dafür?!
Wir haben in einigen ausländischen Metropolen zusammen gearbeitet, er als Berufsdiplomat und ich als zeitweiliger Balkanexperte.
Dies erklärt auch, warum er jetzt ein wohlbestallter Beamter ist und ich nur ein armer Schriftsteller.
Trotzdem lädt er mich, wann immer ich nach London komme, zum Lunch in seinen Club ein, und wir plaudern
über die Vergangenheit - über jene glücklichen Tage, als wir in fremden Städten als Vertreter unserer Nation lebten..

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"Die Geisterzugepisode", sagte Antrobus, "spielte sich wohl noch kurz vor Ihrer Zeit ab.
Sie erscheint mir auch nur erwähnenswert, weil sie die besonderen Fährnisse des diplomatischen Lebens
so anschaulich macht.
Sie ist geradezu ein Musterbeispiel.
Jedes Volk hat seine idee fixe. Für die Jugoslawen ist es die Eisenbahn.
Keine noch so aufregende Affäre ist für sie vergleichbar mit dem Erlebnis des Eisenbahnfahrens.
Selbst eine stillstehende Lokomotive muß von einer bewaffneten Mannschaft bewacht werden; sonst würde sich die lernbegierige Bevölkerung über sie hermachen und sie Stück für Stück auseinandernehmen.
Nichts erweckt die Begierde der Serben so heftig wie ein Eisenbahnzug.
Das Wasser läuft ihnen im Munde zusammen. Sie sabbern förmlich, mein Lieber, ils bavent.
Man spürt es schon in dem Augenblick, in dem man in Belgrad den Orientexpreß verläßt.
Der Bahnhof ist recht sonderbar. Er ist schief!
Er hat einen langen, adretten Riß vom Perron bis zur Turmuhr, und dann bemerkt man auf dem Bahnsteig deutliche Räderspuren im Zement.
Das gibt einem zu denken.


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Der erste Gepäckträger, den ich zu fassen bekam, erklärte mir bereitwillig das Phänomen.
Offenbar überfährt ungefähr jeder fünfzehnte Zug die Bremspuffer und schlittert über den Güterbahnhof,
um sich schließlich in den Fahrkartenschalter einzubohren.
Niemand wurde je verletzt, und die ganze Stadt macht, fröhlich vereint, die Lokomotive wieder flott.
Jedermann scheint auf diese etwas ungewöhnliche Eigenheit eher stolz zu sein.
Sie gehört zum serbischen way of life.

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Nachdem ich in dieser Weise aufgeklärt worden war, werden Sie vielleicht verstehen, daß ich ein leicht ungemütliches Gefühl hatte, als Nimic, ein Angestellter des Protokolls, uns einen Wink gab, man würde es zu schätzen wissen, wenn das Diplomatische Corps zum Befreiungstag in einem Sonderzug nach Zagreb führe,
um ein für allemal zu beweisen, daß die vielgerühmte jugoslawische Schwerindustrie fähig sei, Maschinen herzustellen, die bis ins kleinste so gut durchkonstruiert seien wie die des degenerierten, kapitalistischen Westens.
Dieser Hinweis wurde von bedeutungsvollen Blicken und Augenzwinkern begleitet, aber alle Bemühungen, Näheres zu erfahren, scheiterten.
Ein Schleier des Geheimnisses - einer der sieben Schleier kommunistischer Diplomatie - lag über dem ganzen Unternehmen.
Wir Diplomaten waren natürlich gespannt, nur jene, die den Balkan schon kannten, waren beunruhigt.
<Mon Dieu>, sagte du Bellay, der französische Gesandte, mit ernster Stimme, <si ces animaux veulent jouer aux locos avec le Corps Diplomatique . . .>
Er sprach aus, was viele von uns dachten.
Weitere Versuche, Informationen über den Geisterzug - so hatten wir ihn unterdessen scherzhaft getauft - zu erhalten, scheiterten..






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So lehnten wir uns in unsere Sessel zurück und harrten des Befreiungstages.
Wie zu erwarten, lag dann auch zehn Tage vor dem drohenden Ereignis der übliche dicke weiße Umschlag der Protokollabteilung auf unseren Schreibtischen.
Ich öffnete den meinigen mit gemischten Gefühlen.
Er enthielt die Mitteilung, daß den Mitgliedern des Diplomatischen Corps für die Reise ein Sonderzug zur Verfügung gestellt werde.
Der Name des Zuges sei <Maschine der Befreiungsfeier>.
Selbst Polk-Mowbrays Blick war umwölkt. <Was für eine Teufelsmaschine mag das bloß sein?> fragte er besorgt.
Ich konnte ihn natürlich auch nicht aufklären. "Vielleicht sind es an Ketten gezogene Dixies, auf die sie Sperrholzplatten montiert haben, so daß sie wie Waggons aussehen.>.









Die Diplomaten versuchten zu rebellieren und schlugen vor, die Straße zu benutzen, um so der "Maschine der Befreiungsfeier> zu entgehen.
Aber der Doyen wollte davon nichts wissen.
Sich zu drücken, würde wie eine üble Mißachtung aussehen.
Wir würden die jugoslawische Schwerindustrie zutiefst verletzen, wenn wir nicht von der einmaligen Gelegenheit Gebrauch machten, der endgültigen Entschleierung der modernen Technik beizuwohnen.
Widerstrebend sagten wir zu.
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<Butch> Benbow, ein Marineattache, der hellseherische Gaben besaß und sich außerdem mit Astrologie beschäftigte, deutete die Zeichen.
Sie waren anscheinend nicht günstig.
<Ich sehe Rauchwolken, nichts als Rauchwolken> sagte er beklommen, während er von seinen astrologischen Tabellen auf dem Schreibtisch aufblickte.
<Und irgend jemand erhält eine schwere Kopfwunde - wahrscheinlich Sie, Sir.>
Polk-Mowbray fuhr auf. <Genug! Genug! > sagte er. <Wir wollen weder Aufregung noch Angst aufkommen lassen.
Wenn mir die jugoslawische Schwerindustrie eine leichte Kopfwunde zufügt, werde ich dafür sorgen, daß daraus ein internationaler Zwischenfall wird.>
.




Unerbittlich nahte der große Tag.
Man teilte uns mit, der Sonderzug stünde auf einem Nebengleis außerhalb Belgrads bereit.
Es war sogar eine richtige kleine Bahnstation, deren Namen ich vergessen habe.
Dort versammelten wir uns zur angegebenen Zeit, das heißt in der Dämmerung,
ordnungsgemäß und inGeisterzugf
voller tenue. 
Die Vertreter der jugoslawischen Schwerindustrie hielten Reden und überreichten Blumen.
Die meisten Repräsentanten sahen in der Tat so schwer aus wie die
von ihnen vertretene Industrie.
Ich aber konnte meine Augen nicht vom Zug wenden.
Hätte man gesagt, er sei prächtig, es wäre zuwenig gewesen.
Er war schlechthin atemberaubend.
Die drei langen Waggons waren bunt be malt und mit Schnitzwerk verziert, Blumen, Vögel, Befreiungshelden, Pin-ups, Embleme, Posthörner, was Sie sich nur vorstellen können, alles geschnitzt und gemalt, wie es den Bauern gerade eingefallen war.
Der Gesamteindruck war der eines sizilianischen Marktkarrens mit seinen geschnitzten und bemalten Seitenwänden oder des Hecks
einer Galione aus dem 17. Jahrhundert.
Alle Schmiede und Stellmacher Serbiens schienen ihre Hände im Spiel gehabt zu haben.
<C'est un chalet Tyrolean ou quoi?> hörte ich du Bellay murmeln.
Wir alle teilten seine Skepsis.

Wir stiegen ein und fanden die für uns reservierten Abteile.
Sie sahen recht normal aus.
Die Musikkapelle spielte. Wir nahmen ein oder zwei Blumengebinde entgegen.
Dann fuhren wir hinaus in die Dunkelheit, begleitet von Eselsschreien,
Hühnergegacker und krächzenden Posaunentönen.
Vor uns erstreckte sich die hügelige Ebene Serbiens.

Zwei Mißlichkeiten machten sich sofort bemerkbar.




Die so liebevoll geschmückten Holzverkleidungen quietschten und knarrten nervenzerreißend.
Wie sollte man dabei schlafen können?
Doch weit bedrückender war der Anblick des zweiten Waggons, in dem sich die Botschafter befanden.
Er hatte einen Neigungswinkel von fast dreißig Grad, und es schien uns, als würde er nur durch die Wagen
vor und hinter ihm aufrecht gehalten.
Offensichtlich hatte die jugoslawische Schwerindustrie bei seinem Bau gerade ihre Nivelliermaschine verlegt gehabt.
Den Reisenden, die aus dem Fenster sahen, wurde die Illusion vermittelt, die Erde käme auf sie zu.
Ich stattete Polk-Mowbray einen Besuch ab, um mich nach seinem Wohlbefinden zu erkundigen.
Er sah ein wenig blaß aus und versuchte krampfhaft, sich auf der höher liegenden Seite des Waggons zu halten, so als befände er sich auf einem sinkenden Schiff.
Der Lärm war so ohrenbetäubend, daß wir nicht sprechen konnten. Wir mußten schreien.
<MeinGott>, hörte ich ihn brüllen, <was soll nur aus uns werden?>
Das war schwierig zu beantworten.
Das Tempo nahm zu. Die Lokomotive war uralt.
Eine amerikanische Filmgesellschaft hatte sie vor Kriegsausbruch zurückgelassen, und die Jugoslawen hatten sie mit Drähten wieder zusammengeflickt.
Die gähnende Öffnung des Heizkessels, der vor Hitze weiß glühte, wurde mit wahrer Leidenschaft von behaarten Männern mit Schildmützen immer wieder gefüttert.
Sie sahen aus, als seien sie einem Roman von Dostojewskij entsprungen.
Ich hatte den Eindruck, daß sich unsere Lage allmählich verschlimmerte.
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Die altersschwache Lokomotive hatte es unterdessen auf immerhin siebzig Stundenkilometer gebracht.
Alle fünfhundert Meter stöhnte sie und spie dabei Eimer voll weißer Schlacke in die Nacht, die das Gras an beiden Seiten des Gleises in Brand setzte.
Von weitem müssen wir wie ein näher kommender Waldbrand gewirkt haben.
Ein anderes Merkmal der <Maschine der Befreiungsfeier> war eine sinnreich konstruierte Zentralheizung, die man aber leider nicht abstellen konnte.
Da kein Fenster zu öffnen war, stieg die Temperatur in den Waggons schnell zu tropischer Hitze an.
Wir benutzten unsere großen Hüte als Fächer.
Noch nie, mein Lieber, habe ich das Diplomatische Corps derartigen Mühsalen ausgesetzt gesehen.
Schlafen war unmöglich. Das Licht war nicht auszumachen.
Das Wasser schien auf Grund eines mysteriösen Mechanismus zwischen den einzelnen Waschbecken zu zirkulieren.
Und die ganze Zeit dachten wir voller Unbehagen an die Botschafter in dem schiefen Waggon, die vor Angst bibberten und Cognac tranken.
Und so brausten wir durch die Nacht.
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Die Möglichkeit irgendeines schauerlichen Unfalls lag nur allzu nahe.
Darum wagte niemand, sich hinzulegen.
Wir riskierten noch nicht einmal, Schlafanzüge anzuziehen, wir saßen nur da, umgeben von diesem Höllenlärm, starrten uns verzweifelt an und zuckten bei jedem Stoß der Lokomotive, bei jedem Ruck, bei jedem Quietschen des Waggons zusammen.
Der amerikanische Botschafter war so verstört, daß er die ganze Nacht hindurch <Näher mein Gott zu Dir> sang.
Einige meinten allerdings, er hätte in weiser Voraussicht eine Kiste Whisky mit in sein Abteil genommen.
Madame Fawzia, die ägyptische Botschafterin, verbrachte die Nacht auf dem Boden ihres Abteils, kniend ins Gebet vertieft.
Ich wagte einfach nicht, an Polk-Mowbray zu denken.
Von Zeit zu Zeit, wenn die Windrichtung wechselte, war der ganze Zug in eine Wolke undurchdringlichen Rauches gehüllt, der halbverbrannte Kohlenstücke in der Größe von Hagelkörnern enthielt.
Aber immer noch häuften die unheimlichen Genossen auf dem Lokomotivenstand unbeirrbar ihre grausigen Schaufeln, und wir jagten dahin mit keuchendem Gepfeife und Getöse.
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Um zwei Uhr früh, als wir in den Bahnhof Slopsy Blob - so benannt nach dem berühmten Freiheitskämpfer - einfuhren, hörten wir ein fürchterliches Knirschen und Krachen.
Der schiefe Waggon hatte sich irgendwie in die untere Blechverkleidung des Bahnhofsdaches verhakt und diese säuberlich wie mit einem Rasiermesser abgeschnitten.
Fast wäre dabei noch einer der Lokomotivführer guillotiniert worden.
Der Lärm war furchterregend, und das gesamte Diplomatische Corps stieß einen einstimmigen Schreckensschrei aus.
Ich habe nie zuvor oder danach Diplomaten so schreien gehört - und habe auch keine Sehnsucht danach.
Ein Teil der Engelsköpfe und der Blumenornamente wurden bei dem Zusammenstoß vom schiefen Wagen abgerissen, so daß eine Flut bunter Holzteile auf die Insassen der folgenden Waggons niederprasselten,
die nur um so lauter schrien.
Eine Minute später war alles vorbei.
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Und wieder umgab uns die Nacht.
Wir rasten durch das dunkle Land mit den beiden Brüdern Karamasow, die aus Leibeskräften ihre Lokomotive anfeuerten.
Wie Serben nun mal sind, war es durchaus möglich, daß sie nichts gehört hatten.
Wir dagegen verbrachten die Nacht weiterhin auf schlafloser Wache.
Der Schutzengel der jugoslawischen Schwerindustrie muß uns begleitet haben, denn der Rest der Reise verlief ohne weitere Zwischenfälle.
Es war jedoch ein recht ermattetes und mitgenommenes Diplomatisches Corps, das schließlich am Morgen
des Befreiungstages auf dem Bahnhof von Zagreb ankam.
Andererseits ist wohl noch nie jemand so beseelt gewesen von dem Gedanken an Befreiung wie wir zu jener Stunde.
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Es muß ungefähr sechs Uhr früh gewesen sein, als wir prustend und dampfend wie der Ätna auf Zagreb zutosten.
Die Bremsen waren schon ungefähr fünf Kilometer vor dem Bahnhof angezogen worden und die Stärke des trommelfellzerreißenden Krachs würde man nicht für möglich halten, hätte man ihn nicht selbst gehört.
Aber das war noch nicht das Ende.
Obwohl wir über den roten Teppich um einen halben Kilometer hinausschossen und obwohl die wartenden Würdenträger und die Arbeiterkapelle der Zagreber Transport-und-Verkehrs-Gewerkschaft die ganze Länge
des Bahnsteigs hinter uns her trottete - unser Leidensweg war noch nicht zu Ende.
Es stellte sich heraus, daß die Abteiltüren auf der Bahnsteigseite fest verschlossen und nicht zu öffnen waren.
Ich vermute, daß der Bahnhof von Zagreb auf der anderen Seite des Gleises liegt als der Bahnhof von Belgrad, und so war es niemandem auch nur im Traume eingefallen, daß wir mehr als eine Ausgangsmöglichkeit
aus dem Zug benötigen könnten.
Es war natürlich peinlich.
Wir lehnten aus den Fenstern, gaben Zeichen des guten Willens und verzogen unsere Gesichter in Richtung der Transport-und-Verkehrs-Kapelle und des Befreiungsempfangskomitees zu freundlich gemeinten Grimassen.
Wir müssen wie eine Gruppe entwichener Jahrmarktsaffen gewirkt haben, die sich nach dem alten freien Leben des Dschungels sehnen.
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Nach längeren mißmutigen Palavern blieb uns nichts anderes übrig, als aus dem Zagreb-Expreß heraus auf den Bahndamm zu klettern und um den Zug herum zum Empfangs-komitee zu gehen.
Wir kamen uns ziemlich blöd vor.
Aber nach allem, was geschehen war, war es ein angenehmes Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.
Wir stellten uns in vorschriftsmäßiger diplomatischer Rangordnung auf dem Bahnsteig auf, um der Befreiungshymne zu lauschen, die der Partisanenchor allerdings in einer so tiefen Stimmlage vortrug, daß
sie von den Freuderufen der sich selbst beglückwünschenden Brüder Karamasow fast übertönt wurde.
Ihre Ovationen wurden wiederum durch das zischende Entweichen des Dampfes und gelegentliche Pfeiftöne
der <Maschine der Befreiungsfeier> eindrucksvoll unterstrichen, die im kühlen Licht des Morgens noch unwahrscheinlicher aussah als am Abend zuvor.
Ansonsten verlief alles genauso wie bei solchen Anlässen üblich.
Dennoch durchfuhr uns trotz unserer Müdigkeit bei einem Satz der Begrüßungsansprache ein eisiger Schreck.
Aus ihm ging eindeutig hervor, daß die Behörden auch unsere Rückfahrt mit der <Maschine der Befreiungsfeier> geplant hatten.
Er gab unseren Gedanken reichlich Nahrung.
Madame Fawzia gab unwillkürlich einen würgenden Laut von sich, der von unseren Gastgebern als Ausdruck freudiger Zustimmung ausgelegt wurde.
Einige andere Damen des Diplomatischen Corps gerieten durch diese - so scharfsinnige - Schlußfolgerung an den Rand der Hysterie.
Doch gute Erziehung stirbt nur langsam.
Man sah zwar zusammengepreßte Lippen und tränenglänzende Augen, aber niemand sagte ein Wort, bis
wir uns zum Frühstück im Speisesaal des Slopsy Blob Hotels niederließen.
Dann allerdings überschlugen sich die angestauten Gefühlswogen.
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Botschafter, Gesandte, Attachés und ihre Frauen fingen wie auf Kommando an zu schnattern und zu gestikulieren. Die Szene war bewegt.
Manche riefen Gott als Zeugen an, daß sie nie wieder einen Zug besteigen würden.
Andere sprachen noch wie in Trance von der vergangenen Nacht und wie ihr ganzes Leben vor ihnen wie auf einer Filmleinwand abgerollt sei.
Die Frau des republikanisch-spanischen Gesandten, durch die Ereignisse am meisten aufgewühlt, fiel über den Doyen her - es war der polnische Botschafter - und bestürmte ihn, er sei vor Gott für unser aller Sicherheit und Gesundheit verantwortlich.
Es war ein interessanter Anschauungsunterricht in Nationaleigenschaften.
Die Ägypter schrien, die Finnen und Norweger murrten, die Slawen zogen einander an den Rockaufschlägen,
als ob sie Ziegen melken wollten.
Die Griechen gebärdeten sich wie Prometheus. (Sie konnten sich eine Politik des Ausgleichs leisten, denn sie hatten die einzigen sechs Taxis in Zagreb gemietet und boten nun für die Rückfahrt den Sitzplatz
zu tausend Dinar an.)
Eines allerdings ging klar aus allem hervor.
Das Diplomatische Corps befand sich in einem Zustand offener Rebellion und weigerte sich entschieden,
noch einmal mit den Brüdern Karamasow zu reisen.
Der Doyen plädierte vergeblich.
Jeder von uns verfiel in die theatralische Haltung, die typisch für seine Nation war.
Der Ärger der italienischen Botschafterin nahm solche Formen an, daß man fürchten mußte, sie würde zerplatzen.
Sie ging so weit, ihr Kleid hochzuziehen, um den Anwesenden die blauen Flecke zu zeigen, die sie auf der Fahrt bekommen hatte.
Und Polk-Mowbray hatte tatsächlich eine Kopfwunde, eine eiförmige Beule mitten auf dem Schädel.
Zweifellos war sie ihm von einem der Bahnhöfe zugefügt worden, die wir durcheilt hatten.
Er war ganz offensichtlich auf der Fahrt gealtert.
Tagsüber blieben die meisten von uns mit kalten Kompressen und Aspirin im Bett.
Abends wurden uns eine Ballettvorstellung und ein Zapfenstreich mit Fackelbeleuchtung geboten.
Damit ging der Tag der Befreiung zu Ende.
Spätabends berief der Doyen eine Sitzung im Hotel ein und hielt uns einen feierlichen Vortrag über das Benehmen von Diplomaten im allgemeinen und unsere Pflichten im besonderen.
Vergeblich.
Wir waren fest entschlossen, nicht im Geisterzug zurückzufahren.
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Der Doyen beschwor uns, aber wir blieben hart.
An jenem Abend flatterten ganze Schwärme von Telegrammen in die Protokollabteilung des serbischen Außenministeriums - Telegramme, die plötzliche Erkrankungen, Arbeits- überlastungen, unvorhergesehene politische Entwicklungen, Migräne, Grippen, Nervenentzündungen oder einfach höhere Gewalten vorschützten.
Im Morgengrauen setzte sich ein Taxikonvoi Richtung Heimat in Bewegung, vollgestopft mit den ramponierten Überresten des Diplomatischen Corps, unrasiert und ungeehrt, aber lebendig, noch atmend . . .
Irgendwie taten mir die Brüder Karamasow und die <Maschine der Befreiungsfeier> leid.
Weiß Gott, man wünschte ihnen nichts Schlechtes.
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Ich muß jedoch zugeben, ich war nicht erstaunt, als ich eine Woche später in der Zeitung las, daß der jüngste Triumph der jugoslawischen Schwerindustrie bei Slopsy Blob aus den Weichen gesprungen war und bei dieser Gelegenheit die schon begonnene Arbeit zu einem guten Ende brachte, indem er die Überreste des Stationsgebäudes mit sich riß.
Niemand wurde verletzt.
Niemand in Serbien wird je verletzt.
Nur schrecklich durchgeschüttelt und erschreckt.
Das gehört eben alles, wenn ich es mir so recht überlege, zum serbischen way of life ..."
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Wer die Geschichte ungern gelesen hat, dem wird auch diese nicht so recht gefallen ...
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