DIE MORGAN-STIFTUNG (RICHARD BRIDGEMAN) - aus Fischer Taschenbuch ISBN 3-596-22803-4 - Gespenstergeschichten aus Wales Merkwürdigerweise war es ein dünnes Touristen-Handbuch mit dem Titel "Abseits der Autostrassen", das Selby Pyle auf die Spur dieses merkwürdigen Dorfes in den Bergen brachte. Er hatte das schmale Bändchen am Bahnhofskiosk erstanden, weil auf dem Deckel ein Bild des Snowdon war und er schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken spielte, einen Urlaub in den Bergen von Wales zu verbringen. Er blätterte darin, stellte nebenbei fest, daß es - und nicht besonders gut - von einem gewissen John Kilby geschrieben war; und während des Lesens trug ihn ein rüttelnder Zug nach Guildford, wo es ein Haus gab, in dem unheimliche Geräusche zu hören sein sollten. Denn Selby Pyle, ein älterer Gentleman ohne Beruf und mit sicherem Einkommen, hatte ein ungewöhnliches Hobby: er bezeichnete sich gern als Amateur-Parapsychologen. Und fragten ihn seine Zeitgenossen: »Warum?«, so erging er sich in Einzelheiten, wobei er jedoch betonte, >Amateur< hieße, daß er unentgeltlich arbeite und nicht, daß es ihm an Wissen oder Erfahrung auf diesem Gebiet fehle. Fragten sie aber: »Warum ein so ausgefallenes Hobby?«, so läutete seine etwas lahme Entschuldigung: » Es ist eben mal ganz was anderes.« Sogar sich selbst gegenüber gab er das wirkliche Motiv seines Tuns nur dann zu, wenn er in besonders aufgeschlossener Stimmung war. Und wenn man immer noch darauf bestand, wie unbegreiflich es sei, daß ein so stattlicher, stets tadellos angezogener Herr mit engelsblauen Augen, einer formlosen kleinen Nase, die der randlosen Brille einen nur höchst unsicheren Sitz bot, einem sanften kleinen Babymund und einer Anzahl faltiger Kinne ausgerechnet an so eine Beschäftigung Zeit und Geld wandte, dann drehte und krümmte sich Selby, fuhr sich mit den weißen knubbligen Fingern durch das schüttere Flachshaar und gab endlich etwas von seinem tief innersten Geheimnis preis. Obwohl ein frommer Mann von Natur, erklärte er dann wohl, hätte er in den Lehren der Kirche keinen Trost finden können und litte unter der überwältigenden Angst, wie eine Kerzenflamme spurlos zu verlöschen, wenn seine Zeit heran wäre. Daher suche er nach einem positiven Beweis für ein Leben nach dem Tode. In dicken Ordnern bewahrte er seine Notizen und Fotos auf. An der Wand seines Arbeitszimmers hing eine großmaßstabige Landkarte, auf der die Orte, wo er bereits Forschungen angestellt hatte, mit roten Nadeln bezeichnet waren. Er besaß auch einen Vorrat an kleinen blauen Fähnchen zur Bezeichnung der Stellen, wo sich positive Resultate ergeben hatten. Jedoch obwohl die Karte vor lauter roter Nadeln aussah wie ein von Masern befallenes Kind, trug sie kein einziges blaues Fähnchen. Jedes Gerücht, das ihm zu Ohren kam, verfolgte er voller Hoffnung bis an seinen Ursprung. Heute früh hatte er in der Zeitung einige Zeilen über die seltsamen Vorkommnisse in Guilford gelesen und den nächsten Zug dorthin genommen. London schmolz hinweg, Felder und Bauernhöfe glitten vorbei, und Selby blätterte in seiner Broschüre, seufzte ein bißchen und schlug zufällig die Stelle auf, die von Cwmbach handelte. >Dieses Dorf<, so informierte ihn Mr. Kilby auf dieser und der folgenden Seite, >ist eins der abgelegensten, das ich kenne. Es liegt nicht nur im Schatten des Crib Goch in einem Tal, sondern auch tief in der Vergangenheit. Es hat ein ausgezeichnetes Gasthaus namens >Bryn Mawr< und ist begeisterten Anglern als Standquartier bestens zu empfehlen. Die Straßen sind schlecht; die Luft ist milde, denn es ist vor nördlichen Winden geschützt; die Bewohner sind freundlich; und es besitzt einen Fundus an ortsgebundenem Aberglauben und Spukgeschichten, die auch den blasiertesten Reisenden zu entzücken geeignet sind.< Selby, ebenfalls ein Mann der Feder, krümmte sich ein bißchen angesichts des gestelzten Stils; aber gleichwohl erwachte sein Interesse bei den >Spukgeschichten<. Er zog sein Notizbuch, notierte den Namen des Autors und den Verlag - zufällig war es derselbe, in dem auch einige seiner eigenen Schriften erschienen waren, und er kannte den Inhaber gut. Als sich die Nachforschungen in Guilford - wie er bereits gefürchtet hatte - als fruchtlos erwiesen (die Töne kamen aus einer verstopften Wasserleitung), verlor Selby keine weitere Zeit und rief seinen Verleger von einer Telefonzelle aus an, bekam Mr. Kilbys Adresse, fuhr nach London zurück, dinierte und fuhr per Taxi zu John Kilby, M.A. Der Autor von >Abseits der Autostraßen< war ein eckiger älterer Herr mit hochgewölbter Stirn und wässerigen Augen. Er hörte sich Selbys Bitte um weitere Informationen über Cwmbach mit einigem Mißtrauen an. »Ich nehme an, Sie arbeiten über ein ähnliches Thema?« fragte er bedeutsam. Selby gab sich große Mühe, seine Unschuld zu beteuern, woraufhin Kilby soweit auftaute, daß er ein Bündel Notizen anbrachte, die, wie er erklärte, die Grundlage besagten Buches darstellten. »Es muß etwa drei Jahre her sein, daß ich das Buch schrieb«, begann er. »Cwmbach - hm, Cwmbach ... Ich erinnere mich etwas ... Aber was den - äh, übernatürlichen Aspekt anlangt, so weiß ich auch nicht mehr, als in meinem Buch steht. Andernfalls«, so betonte er, »hätte ich ganz bestimmt ausführlicher darüber geschrieben. Aus einem so kleinen Ort ist sowieso nicht viel herauszuholen. Aber... Cwmbach...«, erstarrte nachdenklich an die Zimmerdecke. »Lauter kleine graue Steinhäuser, ein Bach längs der Hauptstraße, ein paar schöne Aussichten auf das Tal. Aber der Name erinnert mich noch an etwas anderes... was war das doch?« Er starrte minutenlang auf seine Notizen, und Selby wurde langsam undgeduldig. »Morgan«, sprach Kilby in die Stille hinein, »das war der Name. Ifor Morgan. In der Gaststube hing ein Bild von ihm, und als ich danach fragte, erzählten sie mir die Geschichte.« Er strich sich lächelnd das Kinn. »Nicht daß Sie etwas damit anfangen können, ich konnte es auch nicht. Aber trotzdem psychologisch interessant. Ifor Morgan war, wie es scheint, so etwas wie ein Hochstapler. Vor vielen Jahren gründete er einen Fonds oder eine Stiftung; er brachte tatsächlich die meisten Einwohner dazu, daß sie etwas einzahlten. Der Grundgedanke war, daß er ihnen ein ganz neues Dorf bauen wollte, moderne Häuser, wissen Sie, Elektrizität, Wasserleitung, Kanalisation. Es sollte in einem grünen Tal unterhalb Cwmbach erstehen, und nach allem, was ich hörte, sollte es ein richtiges Shangri-La werden. Aber wie bei allen solchen Plänen wurde natürlich nichts daraus. Er fing auch an zu bauen, aber ohne Baugenehmigung. Schließlich kam er sogar unter Anklage. Vielleicht eher ein Dummkopf als ein Gauner - ein Visionär, ein Träumer. Da unten gibt es viele von der Sorte, überall im Lande stößt man auf ihre Narrheiten. Aber Morgan nahm die Sache sehr schwer...« »Er ist tot, nehme ich an?« fragte Selby interessiert. »Lieber Gott, ja. Das ist schon Jahrzehnte her. Aber die Leute in Cwmbach sprechen davon, als ob es erst gestern passiert sei. Vor drei Jahren, als ich im >Bryn Mawr< übernachtete, waren noch ein paar von denen am Leben, die tatsächlich in Morgans Stiftung eingezahlt hatten; alle ihre Ersparnisse waren futsch. Aber das Seltsame dabei ist -« »Ja?« fragte Selby aufmunternd. »Sie schienen ihm das gar nicht übelzunehmen. Im Gegenteil: sein Andenken wird hochgehalten, in Liebe, beinahe in Verehrung. Wenn man bedenkt: er hat sie um Tausende geschädigt, denn fast das ganze Dorf hat eingezahlt, und alles, was sie dafür vorzuweisen haben - ich bin selbst hingefahren und habe es mir angesehen -, ist eine beinahe rührende Ansammlung von grasüberwachsenen Fundamenten und halbfertigem Mauerwerk. Menschen sind unberechenbar«, fuhr er nachdenklich fort. »Sie vergessen das Geld, das sie eingezahlt haben, und erinnern sich nur daran, daß er ihnen eine bessere Welt schaffen wollte. Sie waren richtig stolz, eifersüchtig stolz auf ihren Ifor Morgan.« »Und haben diese Spukgeschichten«, fragte Selby, »Ihrer Meinung nach etwas mit diesem unfertigen Dorf zu tun?« »Llannef sollte es heißen«, berichtete Kilby weiter, »ich habe es mir notiert und wollte nachschlagen, was das heißt - ich interessiere mich für walisische Ortsnamen. Nein, Mr. Pyle, ich habe das nur erwähnt, weil der Wirt vom >Bryn Mawr< ganz beiläufig davon redete. Was war das doch gleich?« Er schnappte mit den Fingern. »Ach ja, natürlich. Ich fragte, ob es irgendwelche lokalen Geschichten gäbe - etwas für mein Buch, wissen Sie. Und er sagte, in jedem anständigen Dorf gäbe es Geister. Vielleicht wollte er mich nur verulken. Jedenfalls fand ich, es mache den Ort etwas interessanter, und so nahm ich es in mein Buch auf, mag man sich dabei denken was man will.« Selby verabschiedete sich, fuhr nach Hause und fragte sich, ob es wohl verschwendete Mühe sei, in die Berge zu fahren und sich das anzusehen. Und nur weil er sich sowieso entschlossen hatte, nach Wales zu fahren, nahm er Cwmbach in seine Reiseroute auf. Frühzeitig am nächsten Morgen fuhr er in seinem Auto los, in nördlicher Richtung, und blieb die Nacht über in Chester. Am folgenden Morgen fuhr er die sonnige Küstenstraße entlang, über die Conway-Brücke und dann durch die Badeorte an der See. Hinter Bangor wandte er sich wieder landeinwärts und gelangte mit Hilfe seiner Karte ohne Schwierigkeiten bis Bethesda. Von da aus fuhr er nicht mehr nach der Karte, sondern richtete sich lieber nach den Wegweisern. Zur Lunchzeit war er in Cwmbach. Es war typisch Wales: kleine Häuserchen mit niedrigen Dächern, die sich um das steile Schieferdach und den hohen Kamin des Wirtshauses drängten. Ein torfbraunes Flüßchen plätscherte fröhlich neben der Hauptstraße. Weißbeschürzte Frauen und Männer in Tuchmützen lächelten ihm zu, als er vorbeifuhr; Kinder unterbrachen ihr Spiel und winkten ihm. Dieses Gefühl des Willkommenseins erfreute Selby; die Berge hinter ihm waren wie ein Vorhang vor der Welt der Finanzen, Sorgen, Wasserstoffbomben und Raketen. Er lenkte seinen Wagen in die kopfsteinbepflasterte Einfahrt des >Bryn Mawr<. Als er durch den runden Torbogen trat, kam ihm der Wirt entgegen, ein untersetzter Mann mit kastanienbraunem Gesicht, hochgekrempelten Hemdsärmeln und blauer Weste mit Goldknöpfen. Er schüttelte Selby mit spürbarer Herzlichkeit die Hand. Die Gaststube war heiter und gemütlich, mit niedriger Balkendecke, voller blankpolierter Krüge und Trinkbecher. Ein Bild in schwerem Rahmen beherrschte den Raum, und Selby trat herzu, um es sich anzusehen. Es war das Bildnis Ifor Morgans, von dem Kilby gesprochen hatte; der Name stand in schnörkeligen, altvaterischen Schriftzügen darunter. Der Wirt kam herbei und fragte in dem sanften singenden Tonfall der Leute von Wales: »Der Herr möchte über Nacht bleiben? Oder vielleicht für länger?« »Ein paar Tage«, sagte Selby und fragte dann, auf das Bild tippend: »Ein gutaussehender Mann.« »Unser Mr. Morgan?« sprach der Wirt leise, wie verehrungsvoll, »ja, der war wirklich ein feiner Mann.« Und als er sich umwandte und den Wirt ansah und den besonderen Ausdruck auf dessen braunem, faltigem Gesicht bemerkte, fuhr ihm eine biblische Redewendung durch den Sinn: >Ich hebe meine Augen auf.. .< Ifor Morgan hatte ein Patriarchengesicht mit tiefliegenden Augen und großen, kräftigen Zügen, ein Antlitz wie aus dem Alten Testament. Er hatte die Augen eines Träumers, still und unergründlich, aber die hohe Stirn eines Denkers. Sein Haar war voll und strahlend weiß und fiel in ungekämmten Strähnen rahmengleich um die kräftigen Wangen und die freundlich lächelnden Lippen. »Ich habe von Llannef gehört«, sagte Selby tastend. Und der Wirt erwiderte: »Tatsächlich?« Sein Ton verriet keinerlei Überraschung, als sei es die natürlichste Sache von der Welt, daß ein Fremder die Geschichte kenne. Nach dem Lunch trank Selby seinen Kaffee an einem eisernen Tischchen im Vorgarten, ein gesetzter, völlig normal aussehender Herr in Flanellhosen und blauem Blazer, die Brille etwas schief, aber sonst entspannt und zufrieden, der seine eigene Welt hinter den hohen wolkenverhangenen Bergen zurückgelassen hat. Kinder spielten in der Sonne, lachend, mit hohen Stimmen Zurufe tauschend. Ihre Kleidung war hell und sauber, und er machte darüber eine Bemerkung zu dem Wirt, der eben vor die Tür getreten war und in die Sonne blinzelte. »Haben heute ihr bestes Zeug an«, erklärte er Selby, »und schulfrei außerdem. Das Hinscheiden der alten Gwan Hughes ist ein Feiertag für jedermann.« Selby machte sich müßige Gedanken darüber, wer Gwan Hughes wohl gewesen sein mochte, daß der Jahrestag ihres Todes im Dorf gefeiert würde. Er faßte seine Gedanken in Worte, aber der Wirt reagierte etwas überrascht. »Heute früh bei Sonnenaufgang hat sie ihren letzten Atemzug getan. Sie kränkelte schon lange und war sehr alt...« Und bei seinem Kaffee, die fröhlichen Kinderstimmen im Ohr, dachte Selby, wie hübsch es doch sei, daß der Tod mit Lachen und Schulfrei gefeiert würde, statt mit Leichenkränzen und Trauer. Es kam ihm so richtig vor. Für kurze Zeit verblaßte seine ständige Angst vor dem eigenen Tode, und er vermochte fast zu glauben, daß er hier in Cwmbach finden würde, was er in all den Jahren gesucht hatte. Später, in der Stille seines Zimmers, analysierte er seine Gedanken und kam darauf, daß seine eigene Furcht dahinschmolz, weil diese Leute den Tod als ein Ereignis betrachteten, das der Freude wert ist. Denn warum, überlegte er, sollten sie so fröhlich sein, wenn nicht deshalb, weil sie wußten, daß der Tod mehr ist als das bloße Verlöschen des Lebenslichts ? Nach dem Tee - mit frischgebackenem Kuchen und heißen buttertriefenden Plätzchen - versuchte Selby, das Gespräch auf Ifor Morgan und sein Dorf zu bringen; doch der Wirt war höflich, aber ausweichend. Jedoch nicht, weil es über den Mann und sein nie gebautes Dorf nichts zu sagen gäbe - Selby hatte eher den Eindruck, daß der Wirt einfach deshalb so zurückhaltend war, weil ein >Ausländer< das doch nicht verstehen würde. Immer noch spielten die Kinder auf der Straße. Selby sah ihnen eine Weile zu und teilte ihre Freude am schulfreien Tag. Von der Schule wanderten seine Gedanken zur Kirche, und er suchte unter den umliegenden Hausdächern nach dem Kirchturm. Aber das ganze Dorf war flach; es gab nur die niederen Dächer und die Berghänge. Als der Wirt, sich die Hände an seiner blauen Schürze abwischend, wieder herauskam, fragte Selby ihn nach der Kirche oder Kapelle, aber der Mann schüttelte lächelnd den Kopf. Die nächste wäre in Bethesda, jenseits der Berge. Dann mußte Selby an die alte Frau denken, die heute gestorben war. »Dann müssen Sie sie also nach Bethesda schaffen ?« wollte er wissen. Der Wirt lächelte wieder, beinahe mitleidig diesmal, und sprach vom Lachsfischen. Als er ging, hatte Selby das Gefühl, man habe ihm in aller Freundlichkeit und auf undefinierbare Weise zu verstehen gegeben, er solle sich nicht um Sachen kümmern, die ihn nichts angehen. Dann kam er auf die Idee, ein bißchen die Gegend zu erkunden. Er ging zu seinem Wagen, fuhr mit dem Lappen über die Windschutzscheibe und prüfte den Benzinstand. Der Wirt beobachtete diese Vorbereitung mit leiser Besorgnis. »Wollen Sie eine Fahrt machen?« fragte er. » Vielleicht bis Bethesda?« Selby schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ich würde die Straße weiter hinauf in die Berge fahren. Da oben soll es Punkte mit wunderbarer Aussicht geben.« »Würde ich Ihnen nicht raten«, erwiderte der Wirt mit Nachdruck. »Die Straßen sind schlecht, man muß sehr vorsichtig sein. Es wird sehr schnell dunkel, und Sie könnten sich verirren. In den Bergen ist das eine ziemlich üble Sache.« Selby setzte sich hinter den Volant und rückte seine Brille zurecht. Er ärgerte sich etwas - dachte etwa der Wirt, er könne nicht auf sich selbst aufpassen? »Ach, das riskiere ich schon«, sagte er kurz und ließ den Motor an. Der Wirt rief irgend etwas, laut, um den Motorlärm zu übertönen, und als der Wagen schon die abschüssige Anfahrt hinabrollte, legte Selby die Hand ans Ohr, um zu verstehen, was er rief. »Aufpassen ... Gabelung ... nach links halten - aufpassen! Rechts ...« Mit einem Winken bestätigte er den Empfang dieser lückenhaften Anweisungen, lächelte über die Besorgnis des Wirtes und bog auf die Landstraße. Er ließ die Häuser des Dorfes hinter sich; eine Zeitlang war er von den Bergen eingeengt, dann wurde die Straße frei, und er hatte das Tal tief unter sich - braune und grüne Flächen, hier und da das Glitzern eines gewundenen Flüßchens. Er machte Halt und lehnte sich aus dem Fenster, um die Aussicht zu genießen. Die salzschwere Seeluft fuhr ihm durch das Haar, er schmeckte das Meer auf den Lippen. Das Leben war schön. Hier draußen, zwischen dem Himmel und dem Tal, war ein Frieden, wie er ihn noch nie gespürt hatte. Er lehnte sich in das weiche Sitzpolster zurück, ließ sich von der Ruhe überkommen und druselte sanft nickend ein, die dicken weißen Finger über dem Bäuchlein gefaltet. So hing Mr. Pyle zwischen Himmel und Erde und schlief. Hoch über ihm schrien die Möwen, und nur die stillen Berghänge vernahmen ihr Gekreisch. Als er tief erholt aufwachte, war die Sonne bereits hinter die höchsten Gipfel gesunken. Der Wind hatte aufgefrischt und war jetzt kühler. Leise schlich sich die Dämmerung heran. Die Möven schrien nicht mehr, und die Erde selbst schien den Atem anzuhalten. Er startete den Motor, überlegte einen Moment, ob er wenden und zurückfahren sollte, aber die Verlockung der kurvigen, weiter in die Berge hineinführenden Straße war stärker, und er fuhr weiter. Nach einer Weile kam er an eine Gabelung. Drei Wege boten sich an, und er versuchte, sich an die Weisung zu erinnern, die ihm der besorgte Wirt nachgerufen hatte. Sollte er sich rechts oder links halten ? Aber das war schließlich gleich; er hatte ja Zeit, jede Richtung zu erkunden. Heute würde er den linken Weg fahren, denn der führte aufwärts in die Berge. Tief hingen die Zweige der Bäume herab, und die Wegränder waren dicht mit Riedgras besäumt. Die Sonne verschwand, und die Nacht sank wie ein schwarzer Mantel hernieder. Ganz still war die Welt, scharf und klar die Luft. Jetzt führte der Weg abwärts, die Berge traten zurück, und unten im Tal glühten die zerstreuten Lichter eines Dorfes. Er fuhr scharf an den Straßenrand, hielt an und entfaltete im schwachen Innenlicht seine Autokarte. Bis Cwmbach konnte er seine Fahrt verfolgen, aber dann teilte sich auf der Karte die Straße in mehrere punktierte Linien auf. Er fand die Stelle, wo er eingeschlafen war, und auch das Dörfchen vor ihm. Er mußte sich anstrengen, um den Namen zu entziffern: Pengwyn. Während er noch grübelnd auf die Karte sah, bemerkte er im Rückspiegel über seinem Kopfe eine Bewegung, nur eine Art Flirren. Hinter ihm kam jemand die Straße entlang, eine nebelhafte weiße Gestalt, die schließlich deutlicher wurde: eine Frau im blaßbunten Kleid, einen weißen Schal über den Kopf gelegt. Sie ging zielstrebig, fast ungeduldig, mit langen kraftvollen Schritten, den Blick fest auf das Dorf gerichtet; aber als sie an dem Wagen vorbeikam, wandte sie sich und sah Selby an, den Arm wie zum Gruße halb erhoben. Sie lächtelte in seine Augen mit dem glücklichen Lächeln eines Weibes, das aus purer Freude am Leben lächelt. Dann war sie schon an ihm vorbei, ein hoher schlanker Schatten im Scheinwerferlicht des Wagens, und verschwand alsbald im Dunkel der Nacht. Bei ihrem lächelnden Gruß war Selby richtig warm ums Herz geworden. Eine Frau, die vorbeiging, eine Fremde, die Zei fand, ihm Anteil an ihrem Glück zu gönnen. Eine Frau, die heimging, zu einem Haus, wo Mann und Kinder sie willkommen heißen würden. Unvermittelt beneidete er sie um ihr Glück. Ihm war, als leuchte ihr Gesicht noch vor seinen Augen, als er den Motor anließ und den Weg ins Dorf hinabfuhr. Seine Scheinwerfer schnitten klare goldene Schwaden aus der Dunkelheit. Er ertappte sich dabei, daß er nach ihrer schlanken Gestalt suchte; vielleicht sollte er ihr anbieten mitzufahren. Aber schneller als er dachte, war er schon mitten zwischen den Häusern; und dann erblickte er sie kurz: sie hatte die Hand an einer Gartentür; scharf zeichnete sich ihre Silhouette im Lichte seiner Scheinwerfer ab. Er wandte sich um und blickte über seine Schulter zurück: die Haustür öffnete sich zu ihrem Empfang, ein dunkler Schatten in dem goldenen Rechteck breitete die Arme zum Willkommen aus. Er spürte eine unbegreiflich freudige Erregung darüber, daß er gesehen hatte, wie sie nach Hause kam. Langsam fuhr er durch die tröstlichen Lichter der Hütten und Häuser, bis er vor dem gemütlich erleuchteten Wirtshaus anhielt. Der Schankraum war voller schwatzender lachender Menschen. Selby setzte sich in eine Ecke, zufrieden damit, sich umzusehen, eins zu werden mit diesem Ort, und die mollige Wärme verlieh dem kleinen Raum und den freundlichen Gesichtern etwas Traumhaftes. Der Wirt war ein lächelnder Graukopf, dessen Gesichtszüge nicht recht erkennbar waren, weil er ständig mit Tablett und Gläsern umherging, vom Wetter, von der Ernte und von dörflichen Angelegenheiten schwatzend. »Haben Sie ein Zimmer?« fragte Selby impulsiv. »Aber natürlich ...« - die Frage schien ihn zu überraschen. »Dann komme ich morgen«, sagte Selby, »meine Sachen sind noch im Gasthaus von Cwmbach.« »Vielleicht wäre es besser, wenn Sie gleich hierblieben«, schlug der Wirt freundlich vor. »Vielleicht habe ich morgen kein Zimmer mehr...« Selby zögerte, aber von geliehenem Nachtzeug hielt er nicht viel. Auch verdiente der Wirt vom >Bryn Mawr< einige Rücksicht. Es war nur recht und billig, daß er zurückfuhr, wenigstens für diese Nacht. Aber dann - er war durchaus geneigt, den Rest seines Urlaubs in Pengwyn zu verbringen. Eingedenk der späten Stunde stand er auf und trat in die Dunkelheit hinaus. Der Wirt kam hinterher und stand dabei, als Selby in den Wagen stieg und sich ans Steuer setzte. Und da sagte er etwas, das, wenigstens in diesem Augenblick, keinen Sinn zu haben schien: »Normalerweise gehen die Leute von hier nicht wieder weg«, sagte er kopfschüttelnd. »Ich verstehe das nicht.« »Ich komme wieder«, antwortete Selby schläfrig und fuhr in die Nacht hinaus. Oben auf dem Berg hielt er an und blickte zurück, um seine Erinnerung an den Ort aufzufrischen. Dort lag er, ein Spielzeugdorf unter der dunklen hohlen Hand der Nacht. Und während er hinunterblickte, gingen die Lichter blinzelnd aus, eins nach dem anderen, bis nur noch ein dunkler Pfuhl vorhanden war. Die Leute von Pengwyn waren, so schien es, alle schlafengegangen. Der Wirt vom >Bryn Mawr< schien sich zu freuen, daß Selby wieder da war, und warf ihm einen fragenden Blick zu, während er geschäftig mit Gläsern und Krügen hantierte. »Ich bin bis Pengwyn gekommen«, berichtete Selby, »das ist auch ein hübscher kleiner Ort. Ich glaube, ich fahre morgen wieder hin und bleibe da.« »Wie Sie meinen, Sir.« Der Wirt war höflich enttäuscht. Aus dem Nebenraum schallte lautes Gelächter herüber, und Selby blickte bedeutsam auf die Uhr. »Ihre Gäste bleiben aber lange«, sagte er, »länger als die Leute in Pengwyn.« »Heute ist schon ein besonderer Tag«, erklärte der Wirt. »Das sind die Söhne von Gwan Hughes, sie trinken auf den Heimgang ihrer Mutter. Es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie mal reinschauen würden. Und wegen der Polizeistunde ...« Er lächelte entschuldigend. »An so einem Tage kann man schon mal ein Auge zudrücken. « Selby ging in den Nebenraum und bemerkte, daß Ifor Morgans Bild mit einer Blumengirlande geschmückt war. Es war wie Weihnachten im Juli - allerdings Rosen und Lavendel statt Tannengrün und Stechpalmen. Sie begrüßten ihn freundlich, drei braungebrannte fröhliche jjMänner; lächelnd unterbrachen sie ihren Gesang und reichten ihm ein Glas. »Für Sie, damit Sie auf unsere Mutter trinken, die uns heute verlassen hat und an den anderen Ort gegangen ist.« Noch mehrere Dörfler waren dabei, Männer wie Frauen, alle offensichtlich im Sonntagsstaat, alle lächelnd, alle voll offenbarer Herzensfreude über Gwan Hughes' Tod. Das Trinken machte die Söhne gesprächig; sie schlugen einander auf die Schulter und waren vergnügt. »Und wie alt war Ihre Mutter wohl?« fragte Selby, um etwas zu sagen. Sie diskutierten die Frage ernsthaft. Anscheinend hatten sie sich noch nie drüber viel Gedanken gemacht. »Fünfundsiebzig«, meinte der Größte der drei. »Nicht einen Tag unter achtzig«, widersprach sein Nebenmann. »Du weißt doch, sie hat von Anfang an in die Stiftung eingezahlt . . . « Das erregte Selbys Interesse. »Die Stiftung«, sagte er; aber seine Worte gingen in dem gutgelaunten Streit unter, der sich um die Lebensjahre der alten Dame erhob. Das Alter anderer Leute wurde zum Vergleich herangezogen : »Sechzehn Jahre ist es her, daß Trevor seine erste Einzahlung gemacht hat ...« - »Vor zwanzig Jahren habe ich angefangen einzuzahlen, also ist sie mindestens sechsundachtzig . . . « Dann wurde ein Foto, gebräunt, zerknittert, eselsohrig, aus einer dicken Brieftasche gezogen, und Selby wurde aufgefordert, seine Meinung zu sagen: »Wurde vor ein paar Jahren aufgenommen, verstehen Sie«, hieß es. »Aber Sie können sehen, daß sie wirklich eine feine Frau war.« Und als er auf das still lächelnde Antlitz starrte, wußte er, daß er sie bereits gesehen hatte. Nicht ganz so allerdings. Aber wenn man die Falten um Mund und Augen glättete und einen weißen Schal über das Haar drapierte ... »Ich habe diese Frau gesehen«, erklärte er, »erst heute abend habe ich sie gesehen. Es war auf der Straße nach Pengwyn...« Plötzlich fiel Stille ein; alle Gesichter wandten sich ihm zu, überrascht und verwirrt. Aber sogleich fiel ihm etwas Seltsames auf: daß er Gwan Hughes gesehen hatte, glaubten sie ihm durchaus; nur daß es auf der Straße nach Pengwyn gewesen sein sollte, begriffen sie nicht. Der Wirt, der hinter ihm stand, sagte leise: »Erzählen Sie uns doch mal, wie Sie zu diesem Dorf kamen... Pengwyn, wie Sie es nennen.« Und Selby berichtete, daß er erst eingeschlafen und dann weitergefahren sei, bis an die Stelle, wo sich die Straße dreifach gabelt ... Und als er soweit war, blickten sie einander mit weisem und verstehendem Nicken an. »Da haben Sie also die linke Abzweigung genommen, den alten Bergweg«, sagte der Wirt, und es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Selby gab zu, er sei nach links gefahren. »Pengwyn«, erklärte der Wirt, »liegt zur Rechten. Es ist ein Bergwerksdorf mit Kohlenhalden und hohen Schornsteinen. Dreckig und voller Kohlenstaub.« Der singende Tonfall war stärker denn je, und seine Augen leuchteten. »Sie sind den Weg zu Morgans Dorf gefahren«, sagte er, »nach Llannef. Und Sie haben Gwan Hughes auf ihrem Heimweg gesehen ...« Selby Pyle wohnt jetzt in Cwmbach, schon seit fast zwei Jahren. Früher oder später, glaubt er, wird man an ihn herantreten, damit er der Morgan-Stiftung beitritt, und dann wird er auch auf der Liste stehen, so daß, wenn seine Zeit gekommen ist, die Jahre von seinen Schultern fallen werden und er an der Reihe sein wird, den Weg zu gehen, den Gwan Hughes ging, den Weg, der nach Llannef führt. Natürlich ist er noch einmal an die Kreuzung gefahren und hat mit eigenen Augen gesehen, daß dort nur zwei Straßen abgehen: die eine führt nach Pengwyn und die andere zu zwei Bergdörfern. Aber es gibt einen dritten Weg, die grasüberwachsene Erinnerung an eine nie gebaute Straße, und der führt in die Berge hinauf. Er ist nur eine ganz schwache Spur, und Selby ist ihn gegangen bis auf die Bergkuppe und hat hinuntergeschaut auf verfilztes Gras und efeuüberwachsenen Schutt - alles, was von Morgans Dorf übriggeblieben ist. Wie alle Leute in Cwmbach weiß er, daß das Dorf eines Tages da sein wird - ein Ort des Lichtes und der Freude - und daß eine Straße hinführen wird, ein lockender, sanfter Gebirgsweg. Und er weiß auch, daß ihn, hat er einmal seinen Beitrag geleistet, ein Haus in diesem Dorf erwartet, und daß eines Nachts die Lichter brennen werden, um ihn willkommen zu heißen, so wie damals. Aber wenn er das nächstemal in dieses Dorf kommt, dann bleibt er für immer. Und obwohl seine Suche nach dem Beweis für ein Leben im Jenseits nunmehr zu Ende ist, fühlt er doch ein Bedauern, daß es sich um etwas so Kaltes, Unpersönliches handelt wie das Einzahlen eines Beitrags und die Aufnahme seines Namens in eine Immobilienliste. Und er fragt sich, ob Llannef auch nicht zu groß wird, ob überhaupt noch viele Häuser frei sind oder auch nur Hütten. Doch das kommt davon, daß Selby Pyle, wie die meisten von uns, im tiefsten Innern ein bißchen hochmütig und exklusiv ist.